Die Geschichte

Einleitung

Unsere Altstadt hat in den letzten 70 Jahren etwa die Hälfte ihrer historischen Bausubstanz verloren. Dies geschah nicht, wie in so vielen deutschen Städten durch Zerstörung während des 2. Weltkrieges, sondern durch Abriß in Friedenszeiten.

Langsam schwindet die Erinnerung an die alten Quartiere der nördlichen Altstadt oder an viele Einzelobjekte, die im Laufe der letzten Jahrzehnte abgebrochen wurden.

Im Jahre 2000 wurden in einer Ausstellung unter dem Titel „Eine Altstadt verändert ihr Gesicht - Die Greifswalder Altstadt in den letzten fünf Jahrzehnten.“ Fotographien aus den letzten fünfzig Jahren präsentiert, die aus verschiedenen Privatsammlungen stammten. Wir wollten mit diesen Dokumenten an das gewachsene Stadtbild erinnern. Durch die Forschungen der letzten Jahre wissen wir heute mehr über den historischen oder baugeschichtlichen Wert einzelner verloren gegangener Häuser oder Ensembles. Ihr Verlust ist damit umso schmerzlicher.

Die Ausstellung thematisierte auch Konzepte und Zielvorstellungen in der Greifswalder Stadtsanierung der letzten Jahrzehnte, ebenso die spätere Umsetzung oder auch Wandlung dieser Konzepte.

Die Präsentation des verloren gegangenen Greifswalder Stadtbildes verfolgte nicht das Ziel, an die ”gute alte Zeit” zu erinnern. Dazu waren viele Bilder und andere Ausstellungsstücke auch nicht geeignet, zeigten sie doch vielfach bereits den verwahrlosten Zustand nach jahrelangem Leerstand und Plünderung oder den Abbruch der Bauten. Vielmehr wollte die Ausstellung darauf aufmerksam machen, wie wichtig Erhalt und Pflege des verbliebenen Bestandes an historischer Bausubstanz sind und dass auch weiterhin bürgerschaftliches Engagement neben den von Stadtverwaltung und Denkmalbehörden wahrgenommenen Aufgaben notwendig ist.

Die alten Bauten einer Stadt sind der sichtbarste Teil ihrer Geschichte. Damit haben wir die kulturelle Verpflichtung, dieses manchmal unbequeme Erbe an die nachfolgenden Generationen als ”begreifbares” Geschichtsdokument weiterzugeben. Dass sich diese Aufgabe lohnt, zeigen zahlreiche vorbildlich sanierte Häuser in unserer Altstadt!

Im Folgenden werden die für die Ausstellung entstandenen, hier leicht gekürzten Texte und einige ausgewählte Fotografien präsentiert. Sie geben auch heute noch einen guten Überblick über die Entwicklung der Greifswalder Altstadt nach 1945 und haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

1. Glimpflich davongekommen! - Die Altstadt in den ersten Jahren nach dem Krieg

Die kampflose Übergabe Greifswalds an die Rote Armee am 30. April 1945 ersparte der Stadt das Schicksal der Verwüstung. Sie schonte das Leben vieler Tausender Menschen und darüber hinaus unschätzbare kulturelle Werte. Greifswald war es so vergönnt, anders als vielen anderen deutschen Städten, frei von Kriegszerstörungen mit einem reichen Archiv historischer Bauten in eine neue Zeit zu treten.

In den ersten Nachkriegsjahren war und konnte von einer Umgestaltung der Altstadt nicht die Rede sein. Der Druck auf den vorhandenen Wohnraum war groß. Das lag vor allem an vielen Flüchtlingen aus Hinterpommern die bis Anfang der fünfziger Jahre in der Stadt lebten. Die Altstadt wurde gebraucht. Noch konnte auf ihren Wohnraum und ihr traditionelles Kleingewerbe nicht verzichtet werden. Bald jedoch zeigten die Vernachlässigung in den Kriegsjahren und der mit der akuten Überbelegung des vorhandenen Wohnraums einhergehender Verschleiß erste Spuren im Stadtbild.

Staatlich gelenkte Baumaßnahmen konzentrierten sich in den vierziger und fünfziger Jahren auf die Schaffung von neuem Wohnraum in den stark zerstörten Nachbarstädten bzw. auf dem Lande. Private Hausbesitzer hatten es schwer Baumaterial und Handwerker für die notwendigsten Arbeiten zu bekommen.

2. Ein Stadtbild bröckelt - Einzelabbrüche bis 1975

Schon im ersten Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg kam es in Greifswald zum Abbruch historisch wertvoller Gebäude, eine Tatsache, auf die man bereits 1952 im Jahrbuch „Denkmalpflege in Mecklenburg“ mit Sorge hinwies.

Anfangs spielten bei den Abbrüchen unterschiedliche Gründe, wie zum Beispiel die Beseitigung von Verkehrshindernissen im Falle des 1951 abgerissenen Steinbeckertores oder die Gewinnung von Baumaterial, wie beim 1957 abgetragenen monumentalen Kornspeicher Fischstraße 4 eine Rolle.

In den späteren Jahren war dann der fortschreitende Verfall in Folge unterlassener Reparaturmaßnahmen für die Beseitigung der betreffenden Häuser ausschlaggebend. Während sich auch der Zustand anderer Wohnhäuser der Altstadt in dieser Zeit weiter verschlechterte, entstand ab 1956 mit dem heute sog. „Alten Ostseeviertel“ das erste geschlossene Neubaugebiet in Greifswald.

Angesichts undichter Dächer, defekter Schornsteine und ähnlichem wurde die gestalterische Qualität und die geschichtliche Bedeutung des altstädtischen Umfeldes zusehends weniger zur Kenntnis genommen.

In den Jahren 1962 bis 1964 kam es zum Abbruch zahlreicher, besonders baufälliger Häuser und in diesem Zusammenhang auch zu generellen Diskussionen über den Bauzustand der Altstadt und über ihre grundlegende Instandsetzung. Die damals in der Lokalpresse zu diesem Thema erschienenen Artikel enthalten neben den Ausführungen zu den notwendigen Modernisierungen bzw. Erneuerungen gelegentlich auch den Hinweis auf die kulturelle Verpflichtung (der Gesellschaft) zur Erhaltung der wertvollen Gebäude. Möglicherweise ging man in dieser Zeit tatsächlich auch in Kreisen des Rates der Stadt davon aus, die baulichen Probleme der innerstädtischen Wohnquartiere überwiegend durch Instandsetzung und Modernisierung zu lösen, während nur die sehr stark verfallenen Gebäude durch Neubauten ersetzt werden sollten. Zu dieser Vermutung passt jedenfalls die Beobachtung, dass in den unmittelbar folgenden Jahren die Zahl der Abbrüche geringer wurde und man daran ging zahlreiche Wohnhäuser zu reparieren. Häufig wurden dabei allerdings die Fassadengliederungen durch einen glatten Verputz ersetzt. Die betreffenden Gebäude blieben so im wesentlichen erhalten, das Stadtbild wurde durch diese „Fassadenglättungen“ jedoch teilweise erheblich beeinträchtigt.

Zum Meinungsumschwung kam es schon wenige Jahre später. Der Aufbau des Sozialismus sollte nun endlich auch in den Altstädten sichtbar werden und alte zumal verfallene Bauten einer „historisch überlebten Gesellschaft“ passten nicht in dieses Bild.

In Folge der veränderten Schwerpunktsetzung entwickelte sich ab 1967/1968 eine kontinuierliche Abbruchtätigkeit, der in jedem Jahr mehrere Gebäude zum Opfer fielen. Diese Entwicklung mündete in die nach 1975 vorgenommenen Flächenabbrüche. Die Perspektive des alten Wohnhausbestandes war also sehr wahrscheinlich in den Grundzügen bereits klar, als nach mehrjährigen Vorarbeiten 1973 ein neues Denkmalinventar für die Baudenkmäler des Kreises Greifswald erschien, in dem auch die denkmalgeschützten Gebäude der Stadt verzeichnet waren. Leider blieben darin verschiedentlich Häuser mit qualitätvollen Fassaden unberücksichtigt, auch wurde zu häufig vom äußeren Erscheinungsbild auf den Gesamtbestand des Gebäudes geschlossen. Viele der im Grundbestand noch spätmittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Wohnbauten wurden im Inventar so erst in die Zeit um 1800 eingeordnet.

3. Und der Zukunft zugewandt - Ideen und Planungen zur Altstadtumgestaltung in den späten 60er Jahren

Die noch in den 60er Jahren verbindlichen Zielvorstellungen in der Stadtplanung sahen, nicht nur im Osten Deutschlands, den weitestgehenden Abbruch vieler Altstädte, zumindest jedoch ihrer Wohnbebauung vor. Viele Planer konnten sich mit Blick auf die existierende Bausubstanz, den vorhandenen Grad an Sanitärausstattungen und den allgemeinen stadthygienischen Bedingungen kein angemessenes Wohnen in den Häusern der Altstadt vorstellen.

Hier wirkten auch Ideen vom Anfang unseres Jahrhunderts nach, die ausgehend von den schlechten Wohnverhältnissen der gründerzeitlichen Metropolen die neue aufgelockerte Stadt mit viel Licht, Luft und Sonne propagierten und zur Lösung der Wohnungsfrage industrielle Baumethoden vorschlugen.

Dieser Haltung entsprach in der DDR auch die Forderung nach radikaler Standardisierung des Bauwesens. Die Industrialisierung des Bauwesens wurde vorangetrieben, die traditionelle Bauwirtschaft und das Handwerk dementsprechend vernachlässigt. Es erschien wenig sinnvoll, in die traditionelle Erneuerung der Altstädte zu investieren, wenn doch der Wohnungsbedarf mit ”der Platte” in absehbarer Zeit viel besser und nach modernen Standards zu befriedigen sein würde.

Vor allem in der späten Ulbricht - Ära wurde an der sozialistischen Umgestaltung der Altstädte geplant. Anlässlich des 20. Jahrestages der DDR kam es zu einer regelrechten Wettbewerbseuphorie um die schönste sozialistische Stadtsilhouette. Der Aufbau des Sozialismus sollte sich in neuen Stadtkronen, die überkommene alte Stadtsilhouetten überragten, widerspiegeln. Umgesetzt wurden diese Planungen nur selten. Stadtdominanten, wie der Fernsehturm in Berlin, oder der neue Universitätskomplex in Leipzig wurden in dieser Zeit errichtet.

Aber auch in Mittelstädten wie Greifswald wurden Wettbewerbe initiiert um der neuen sozialistischen Stadt bauliche Gestalt zu geben.

Die Stadt wurde auch in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zunächst vor allem durch die Universität geprägt. Nennenswerte Industrieansiedlung hatte es bis dahin nicht gegeben. Mit dem Ziel, die DDR möglichst flächendeckend wirtschaftlich zu entwickeln, konzipierte man auch für Greifswald Industrieniederlassungen. Seit Mitte der 60er Jahre wurde die Ansiedlung eines Betriebes der Nachrichtenelektronik geplant, ebenso der Standort ”Lubminer Heide” für den Bau eines Atomkraftwerkes favorisiert. Mit dem Bau des Kraftwerkes wurde dann 1968 begonnen, wenig später entstand auch der „VEB Nachrichtenelektronik“ an der Gützkower Landstraße. Das Aufbrechen der universitären Monopolstellung war ein willkommener Nebeneffekt. Die Planungen sahen perspektivisch vor, eine Stadt für etwa 120 000 Einwohner zu entwickeln. Mit dieser Aussicht entstanden ab 1969 erste Plattenbauten in Schönwalde.

Auch wenn die Neubaugebiete langsam an Gewicht gewannen und bald mehr Greifswalder auf der ”Grünen Wiese” als in der Altstadt wohnten, blieb das alte Stadtzentrum, dessen Vernachlässigung zunehmend sichtbarer wurde, im Blick der Planer. In der Altstadt sollte das Verwaltungs- und Kulturzentrum der auf Wachstum konzipierten Stadt der ”Wissenschaft und Energiewirtschaft” entstehen.

1968 fand ein erstes Werkstattgespräch zum Thema Altstadtumgestaltung statt. Im Sommer 1968 wurde ein städtebaulicher Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums ausgelobt, im April 1969 wurden die Ergebnisse dann erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Was vom Preisgericht an den Entwürfen als ”positives Beispiel lebendiger Denkmalpflege” und ”Bereicherung der historischen Stadtsilhouette” gelobt wurde, hätte zur weitgehenden Vernichtung der alten Stadtstrukturen geführt. In der Altstadt wären nur wenige Traditionsinseln mit historischer Bebauung übrig geblieben. Geplant waren u. a. ein Hochhaus der Kultur und Bildung, ein großes Centrum - Warenhaus, ein Reise- und ein Interhotel.

Im Laufe des Jahres 1969 wurden mehrere Realisierungsvarianten erarbeitet und vorgestellt. Die Anzahl der Hochhäuser nahm in diesen Wettbewerbsüberarbeitungen ab, der markanteste Neubau, das Hochhaus für Forschung, sollte nun etwas außerhalb der Altstadt, nördlich des heutigen Theaters, entstehen. Von der Altbausubstanz ließen die Planer jedoch auch weiterhin nur wenige inselartige Bereiche übrig. Ende Dezember 1969 werden Ergebnisse nochmals im Rahmen einer Ausstellung vorgestellt.

Diese radikale Haltung zu den historischen Altstädten und besonders zu ihrer historischen Wohnbebauung war dabei kein Greifswalder Phänomen, sondern entsprach dem Zeitgeist in Ost- wie Westdeutschland. Der Osten hatte dabei leichteren Zugriff auf private Grundstücke aber nicht die finanziellen Möglichkeiten für einen radikalen Stadtumbau. Im Westen waren die finanziellen Möglichkeiten vorhanden aber kein zentralen Zugriff auf die Privatgrundstücke der Stadt. Hier führten jedoch z.B. neue Verkehrsbauten, und Neubauten für den Handel in den Kernzonen der Städte zu aus heutiger Sicht ähnlich brutalen Ergebnissen.

Nach dem Führungswechsel an der Parteispitze 1971 findet auch ein Kurswechsel in der Baupolitik der DDR statt. Zugunsten eines neuen Wohnungsbauprogramms werden die Pläne zur Radikalumgestaltung der ostdeutschen Altstädte weitgehend zurückgenommen. So verschwinden auch die Ideen für die Greifswalder Altstadt in der Schublade.

4. Auf der Suche nach einem altstadtverträglichen Plattenbau - Die frühen 70er Jahre

Mit dem VIII. Parteitag der SED 1971 vollzieht sich neben dem Führungswechsel an der Parteispitze auch ein Wandel in den städtebaulichen Leitvorstellungen. Die Wohnungsfrage sollte als soziales Problem bis 1990 gelöst werden. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte ein umfangreiches Bauprogramm auf der grünen Wiese ein. Die Wohnbauserie 70 (WBS 70) wird bald das Bild der großen Neubauviertel im Osten Deutschlands prägen.

Auch wenn die Altstädte zunächst wieder einmal an den Rand des Interesses zu rücken schienen, musste das Problem der Sanierung von Altstädten weiter bearbeitet werden. Die Forderung nach Erneuerung der Zentren durch industrielle Baumethoden blieb bestehen. Dies sollte eine schnelle Umsetzung der Baumaßnahmen und hohen Wohnungsstandard sichern, aber auch weiterhin Zeichen für den gesellschaftlichen Fortschritt sein.

Die traditionelle Bau- und Baumaterialwirtschaft war, bereits jahrelang vernachlässigt, zudem nicht in der Lage, dem angestauten Erhaltungs- und Modernisierungsbedarf gerecht zu werden. Der dazu nötige Ausbau dieses häufig noch privaten Wirtschaftsbereiches war politisch auch nicht gewollt.

Für Sanierungskonzepte mit der ”Platte” wurden seit Anfang der 70er Jahre Beispielplanungen vorbereitet, die unter direkter Kontrolle des Bauministeriums und der Bauakademie standen. Neben den Städten Bernau und Gotha galt eines dieser Forschungsprojekte Greifswald.

Bei den jüngeren Stadtplanern findet der Wandel in den städtebaulichen Leitvorstellungen einen deutlichen Widerhall und es vollzieht sich ein Umschwung in den Auffassungen zum Wert der Altstädte. Dies ist auch bei den neuen Planungen für die Greifswalder Altstadt zu beobachten. Auch wenn der geschichtliche und städtebauliche Wert des Einzelgebäudes noch selten im Blick stand, wurde der Eindruck eines gewachsenen Ensembles, der Bezug der alten Wohnbebauung zu den historischen Dominanten und das gewachsene Straßennetz zunehmend als Wert erkannt und propagiert.

1974 wird ein innerbetrieblicher Wettbewerb des Wohnungsbaukombinates (WBK) unter Beteiligung von sieben Architektenkollektiven durchgeführt. Für sechs Quartiere der Altstadt sollten Bebauungsvorschläge entwickelt werden. Die wichtigste Vorgabe für diese Umgestaltung war die Anwendung der Großplattenbauweise. Zahlreiche Untersuchungen und Studien der Bauakademie der DDR waren diesem Wettbewerb vorausgegangen. Nach weiteren Überarbeitungen der Wettbewerbsergebnisse begann man dann 1978 mit dem Bau des ersten ”altstadtverträglichen” Plattenbaus in der Brüggstraße. Von nun an werden auch in der Greifswalder Altstadt die großen zentral gelenkten Wohnungsbaukombinate das baupolitische und bauliche Geschehen dominieren.

Die in Greifswald modellhaft gefundenen und umgesetzten Lösungen bildeten einen wichtigen Ausgangspunkt für die nach 1980 verstärkt einsetzende Bautätigkeit mit der ”altstadtverträglichen Platte” in vielen anderen ostdeutschen Innenstädten.

5. Sechs Quartiere im Herzen der Altstadt - Das erste Umgestaltungsgebiet

Das Forschungsgebiet lag im Herzen der Greifswalder Altstadt und umfasste sechs Quartiere zwischen der Hafenstraße im Norden, der Brüggstraße im Osten, der Straße der Freundschaft (heute Lange Straße) und dem Markt im Süden sowie der Bachstraße im Westen.

Die Bebauung war zum Markt hin durch große mehrgeschossige und sehr repräsentative bürgerliche Wohnbauten geprägt. Der überwiegende Teil dieser Bebauung besaß einen mittelalterlichen Kern, war später jedoch nach jeweiligem Zeitgeschmack umgestaltet, gelegentlich auch weitgehend erneuert worden. In diesen zumeist oberschichtlichen Häusern wären, so zeigen die heutigen Erfahrungen, qualitätvolle historische Ausstattungen und Ausmalungen zu erwarten gewesen. Darauf ist in den 70er Jahren jedoch selten geachtet worden.

Zum Hafen hin nahm die Geschossigkeit der Gebäude deutlich ab und es waren vor allen eingeschossige, fast kleinstädtisch wirkende Häuser typisch. Nach jetzigen Maßstäben wären diese Bereiche heute gefragte Eigenheimgebiete, denn hinter den Häusern existierten Hofflächen. Dort hätten nach einer vorsichtigen Hofentkernung ruhige Privatgärten entstehen können.

Das Gebiet wurde 1974 zum ”Aufbaugebiet” erklärt. Dies ermöglichte es, die Eigentümer der noch überwiegend in Privatbesitz befindlichen Gebäude zu enteignen. Im diesbezüglichen Antrag von 1974 ist zu lesen, dass: ”nicht erwartet werden kann, dass mit allen Bürgern eine Verständigung über die Umwandlung zum Volkseigentum erfolgen kann. Das Experiment ist nur auf der Basis sozialistischer Eigentumsverhältnisse realisierbar”. Die Förderung von Eigeninitiative bei der Sanierung war bei diesem zentral gelenkten Projekt unerwünscht.

Zunächst sollten weit weniger Altbauten abgebrochen werden. Doch durch eine veränderte Verkehrsplanung, unterlassene weitere Instandhaltung und zu geringe traditionelle Sanierungskapazitäten fielen fast 20 weitere, teilweise sehr wertvolle Gebäude dem Abrissbagger zum Opfer.

6. Flächenabbruch und Plattenbau erreichen die Innenstadt (1975 – 1981)

1975 begannen die Abrissarbeiten im Umgestaltungsgebiet 1 (U1). Auf einer Gesamtfläche von 5,5 ha wurden 82 Vordergebäude beseitigt. Das U1 nimmt innerhalb der drei bis 1989 fertiggestellten Gebiete eine Sonderstellung ein, da es durch seinen Modellcharakter und das Interesse zentraler Stellen in der DDR besonders gefördert wurde. Im Umgestaltungsgebiet wurden durch die Verwendung von unterschiedlich gestalteten Fassadenplatten, den Einsatz zusätzlicher Schmuckelemente, die Wiederverwendung alter Haustüren und eine variable Geschossigkeit der Bebauung durchaus eine gestalterische Qualität erreicht. Der relativ große und abwechslungsreiche Zuschnitt der Wohnungen und ihre moderne sanitär- und heizungstechnische Ausstattung boten den Mietern natürlich bessere Wohnqualität als die unsanierte Altbausubstanz.

Für den Neubau wurden Lösungen in Plattenbauweise gefunden, die in Städten mit großen noch durch den Krieg entstandenen Brachen vielleicht vertretbar gewesen wären. Da aber in Greifswald die historische Bausubstanz nahezu vollständig vorhanden war, sind die baulichen Ergebnisse sehr kritisch zu betrachten, denn ein Großteil der auch damals schon als gestalterisch wertvoll eingeschätzten Bebauung wurde abgerissen.

Die Errichtung der Neubauten war 1981 abgeschlossen, doch die wenigen vom Abbruch ausgesparten Altbauten wurden zu Dauerbaustellen oder blieben bis nach der Wende ungenutzt stehen und wurden erst nach 1990 abgebrochen. Gebäude stürzten durch mangelhafte Sicherung vor der Sanierung ein oder mussten als gestalterisch vielleicht reizvolle aber baugeschichtlich wertlose Kopie nachgebaut werden. Mit dem Abnehmen des Interesses am Greifswalder Modellprojekt flossen auch Mittel und Kräfte zur Sanierung spärlicher, später wurden die knappen lokalen Baukapazitäten auch noch in die Bezirksstadt Rostock oder nach Berlin beordert.

7. ”Denkmale planmäßig erhalten” - Das Schicksal des gotischen Hauses Rakower Straße 10

In jeder Stadt gibt es Gebäude, mit denen sich die Bevölkerung in ganz besonderem Maße identifiziert. Die Rakower Straße 10 war zweifellos ein solches Gebäude. Die kleine Bude mit der Utlucht und dem spitzbogigen Eingangsportal gehörte, wie die Giebelhäuser am Markt, das Rathaus, die ”Alte Apotheke” oder die Stadtkirchen, zu Greifswald. Sein Verlust im Frühjahr 1981 weckte Emotionen. Bürger, die seit Jahren den Abriss ganzer Quartiere still angesehen hatten, begehrten nun auf. Versammlungen des Kulturbundes wurden zum Forum für teilweise heftige verbale Kritik. Selbst von Seiten der Universität wurde in diesem Falle Kritik an die Stadtverwaltung herangetragen.

Einige historische Daten:

Der erste nachweisbare Besitzer des Hauses bzw. eines Vorgängerbaues war der Greifswalder Kleriker Johannes Zulitz. 1368, ein Jahr nach seinem Tod, verkaufen die Erben das Haus an Gerhard Warschow. Auch er ist Weltgeistlicher, stammt aus ritterlicher Familie und verfügt über umfangreichen Immobilienbesitz in Greifswald.

Da das bis 1981 stehende Haus um 1400 entstand, liegt es nahe, in Gerhard Warschow den Bauherren des Hauses zu sehen. Im Jahre 1413 stirbt Warschow und wird im Kloster Eldena bestattet. 1420 wird das nunmehr ausdrücklich als ”steinern” bezeichnete Haus (domum lapideam) abermals an einen Kleriker verkauft. Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts bleibt es auffälligerweise im Besitz von Weltgeistlichen. Ob das Haus auch, wie verschiedentlich vermutet, zum Besitz des Franziskanerklosters gehörte, bleibt unklar. Falls dies der Fall war, kann es sich nur um einen kurzen Zeitraum handeln.

Mit Beginn der Neuzeit tritt bei den Besitzern des Hauses ein Wandel ein. Es gehört von nun an nicht mehr Geistlichen, sondern verschiedensten Handwerkern. Bis zum Verkauf des Hauses an die Stadt im Jahre 1912 begegnen uns Schlachter, Schwarzfärber, Branntweinbrenner, Uhrmacher und Böttcher. Sie alle verändern das Haus ihren Ansprüchen gemäß und formten somit eine Architektur gewordene Urkunde.

Das Ende des Hauses:

Im September 1954 wendet sich die Abteilung für Volksbildung des Rates der Stadt Greifswald erstmals in Sachen Rakower Straße 10 an das Institut für Denkmalpflege in Schwerin. Es wird ein Ultimatum der Baupolizei übermittelt, da nach Ermessen der Baupolizei Einsturzgefahr bestünde. Nach Stellungnahme von Herrn Fait vom Caspar-David-Friedrich-Institut stamme das Haus jedoch aus dem 15. Jahrhundert, sei gotisch und somit erhaltenswert. Die Kostenaufstellung über die Sanierung liegt dem Schreiben bei. Sie beläuft sich auf insgesamt 13000 M.

Der Versuch, die Sanierungskosten auf die Denkmalpflege abzuwälzen, endet mit dem Hinweis der Denkmalpflege, dass der (öffentliche) Rechtsträger eines unter Denkmalschutz stehenden Objektes die zur Instandhaltung nötigen Mittel in seinen Haushalt einzuplanen habe. Bis 1956 führt die Stadt im Wert von 3.200 M. die notwendigsten Reparaturen an Dach und Fassade aus.

Um 1974 zieht der letzte Mieter aus und das Haus steht nun leer. 1979 werden der renaissancezeitliche Vorbau (die sog. Utlucht) sowie die rückwärtigen Anbauten der Rakower Straße 10 beim Abbruch der Nachbarbebauung beschädigt und in der Folge ebenfalls abgebrochen. Nach Einsturz des Nordgiebels fordert die Staatliche Bauaufsicht im April 1980 ein Treffen aller Verantwortlichen, um eine Entscheidung über das weitere Verfahren zu treffen. Dass die Entscheidung zu Gunsten eines vollständigen Abtrags /Abrisses erfolgen wird, wird bereits vorweggenommen. Es heißt: ”Gleichzeitig ist darüber zu entscheiden, wie die Sicherung der Materialien, die für die Rekonstruktion des Gebäudes zu nutzen sind, erreicht wird,” (Akten des Stadtplanungsamtes Greifswald).

Im Juni 1980 kommt es zum geforderten Treffen und als Ergebnis wird festgelegt: 1: Das Institut für Denkmalpflege stimmt dem Abbruch und Wiederaufbau zu. 2: Es ist im Vorfeld eine Denkmalpflegerische Zielstellung zu entwickeln. 3: Beim Abbruch ist durch die Gebäudewirtschaft Material für den Wiederaufbau zu bergen. 4: Dem Stadtbauamt ist eine projektbezogene Projektierungskapazität zur Verfügung zu stellen. 5: Die Baumaßnahme ist bis zur internationalen ICOMOS - Tagung (ICOMOS = Internationales Komitee für Historische Gärten und Stätten) 1984 in Greifswald abzuschließen. 6: Das wieder aufgebaute Haus wird weiterhin auf der Denkmalliste bleiben.

Seitens der Denkmalpflege (Büro für Stadtplanung) wird bis 1981 eine umfangreiche Aufgabenstellung erarbeitet. Unter anderem erfolgt die eindeutige Anweisung, das Haus von Hand abzutragen. Zu den geborgenen Bauteilen ist eine Dokumentation anzulegen. Ferner wird empfohlen, die durchaus stabilen Brandmauern bis in eine Höhe von zwei Metern stehen zu lassen.

Offenbar kümmern diese Anweisungen der Städtischen Denkmalpflege die Gebäudewirtschaft wenig. Ein Bautrupp beginnt an 4.März 1981 mit der Vorbereitung des Abbruchs. In damals üblicher Weise wird ein Stahlseil durch das Haus geführt, um dieses dann mit einem Bagger oder LKW umzureißen. Von einem behutsamen Abtrag kann also nicht die Rede sein. Das energische Einschreiten des städtischen Denkmalpflegers Herrn Buchheim führt zur Unterbrechung der Arbeiten. Doch nur Kurz: am Morgen des 5. März werden die Arbeiten von der Gebäudewirtschaft wieder auf genommen und zu Ende geführt. Als einziges Bauteil wurde der barocke Sturzbalken des Portals geborgen. Leider ist auch dieser später verschwunden.

600 Jahre Stadtgeschichte werden zu einem Haufen Schutt, der eilig auf der Müllkippe verscharrt wird! In einem Schreiben des stellv. Generalkonservators der DDR an den Bezirk Rostock wurde schließlich sogar festgestellt, dass die Einwilligung zum Abbruch des Hauses rechtswidrig gewesen sei und innerhalb des Institutes für Denkmalpflege zu eines ”innerbetrieblichen Auswertung” führe.

Seitens der Stadt quälte man sich nicht mit rechtlichen oder moralischen Bedenken. Unbeirrt folgte man dem einmal entwickelten Plänen. Im Falle der Rakower Straße hieß das: ”industrieller Neubau” rahmt das als ”traditioneller Neubau” neu zu errichtete Haus Rakower Str. 10. Zur Ausführung kamen diese Pläne jedoch nicht. So blieb zunächst der verschüttete Keller mit seinen Brandmauern erhalten. Diese Mauern wurden dann erst fast 20 Jahre später für den Bau der jetzigen Tiefgarage an der Rakower Straße beseitigt.

8. Der Plattenbau wird einfallsloser - Das Umgestaltungsgebiet 2 (1981 - 1987)

Das kleinste der drei Umgestaltungsgebiete war mit 2,4 ha Fläche das Umgestaltungsgebiet 2 (U 2). Das Areal liegt nördlich der Marienkirche zwischen Brügg -, Kuh - und Hafenstraße. Geprägt wurde dieser Bereich durch die alles überragende Marienkirche im Süden und den Hafen im Norden.

Die Planungen zur Neubebauung wurden durch massive Forderungen nach Reduzierung des Aufwandes und der Kosten begleitet. Hintergrund war u. a. die versprochene Lösung der Wohnungsfrage bis 1990 und die allgemeine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Anfang der 1980er Jahre.

In den Vorgaben für das U 2 wird eine Erhöhung der Geschossigkeit sowie eine Reduktion der Verschiedenartigkeit der verwendeten Platten- und Außenwandelemente (Putze, Profile, Farbigkeit u.a.) gefordert.

So ist es nicht verwunderlich, dass hier fast alle alten Gebäude in die Bauzustandsstufe 4 (unbrauchbar) eingeordnet und somit für 36 Gebäude Abbruchanträge gestellt werden. Hinzu kam sicherlich, dass die Bebauung in diesem Altstadtbereich häufig eingeschossig war und weit weniger repräsentativ wirkte, als die größeren Bürgerhäuser in der Knopf - oder Bachstraße.

Der bauliche Bestand und die Lage des Viertels, abseits der großen Geschäftsbereiche, wäre sicher gut für innerstädtische Privatsanierer geeignet gewesen. Doch dies hätte nicht genügend Wohneinheiten gebracht.....

Der eigentlich für die grüne Wiese konzipierte Plattenbau brauchte Platz und besaß in der angewendeten Form nur wenige technologische Möglichkeiten, sich dem alten Bestand anzupassen. Jede Forderung nach Erhaltung alter Bausubstanz wurde unter diesen Bedingungen zum kostentreibenden Faktor.

Der Abriß im Gebiet beginnt Anfang der 80er Jahre. Erst im März 1986 wird dann begonnen, die Fläche neu zu bebauen und 1987 war der Wiederaufbau weitgehend abgeschlossen.

Mittlerweile hatte es einen weiteren Wettbewerb für den altstadtverträglichen Plattenbau in der DDR gegeben. Die Ergebnisse des ersten Umgestaltungsgebietes in Greifswald waren zwar offiziell gelobt worden, doch die Kosten sollten noch weiter gesenkt werden. Dies konnte nur zu Lasten der architektonischen Gestaltung gehen. Im Bezirk Rostock kam die neue von der WBS 70 abgeleitete Baureihe WBR 83 zum Einsatz.

Die im U 2 sichtbare ”Innovation” war eine schräg liegende und mit Dachpfannen gedeckte Platte, die zur Straße hin ein Satteldach vortäuschte. Sonst wirkt die neue fast durchgehend 3½ geschossige Bebauung deutlich gleichförmiger als im ersten Neubaugebiet der Altstadt.

9. Vielfalt abseits des Marktplatzes – Die nordwestliche Altstadt

Die nordwestliche Altstadt, das spätere Umgestaltungsgebiet 3 (U3), stellte mit seiner Ausdehnung von der Bachstraße im Osten bis zur Wollweberstraße im Westen das größte unter den drei Bebauungsgebieten dar. Die Neubauplanungen konnten durch die politischen Veränderungen vom Herbst 1989 nicht mehr vollständig umgesetzt werden denn weitere bereits geplante Abbrüche konnten verhindert werden.

Die vorhandene Bebauungsstruktur des Gebietes war sehr vielfältig. Im Osten, den Bereichen an der Bach -, Fisch - und Steinbeckerstraße, war trotz der vielfältigen Veränderungen der mittelalterliche Ursprung der Grundstücke und Gebäude meist noch zu spüren. Hier stand die baugeschichtlich wertvollste Bausubstanz, bürgerliche Wohnhäuser und vereinzelt auch Giebelhäuser. Einflussreiche Greifswalder Familien und bedeutende Persönlichkeiten besaßen hier ihre Häuser. In der Fischstraße befand sich auch die bekannteste Studentenkneipe der Stadt, die ”Falle”.

Zwischen der Hunnen - und Wollweberstraße besaß die Bebauung einen anderen Charakter. Das Bild wurde hier vor allem durch eingeschossige und häufig aus Fachwerk bestehende Gebäude geprägt. Diese Wohnbebauung entstand zumeist im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Die mehrgeschossigen Gebäude, die es im Viertel natürlich auch gab, war überwiegend erst am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als man verstärkt neu baute oder die ältere Substanz aufstockte.

Der Stadtbereich wurde bis zu seinem Abbruch durch den Kontrast von niedriger Wohnbebauung und alles überragenden Klinikbauten an der Loefflerstraße geprägt.

Wo die Kliniken seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, hatte zuvor das Dominikanerkloster gestanden. Ein Rest der typischen alten Bebauung dieses Viertels ist bis heute nur im Bereich der Wollweberstraße erhalten geblieben.

10. Nicht kleckern, sondern klotzen – Die Flächenabbrüche für das Umgestaltungsgebiet 3 (1986 - 1989)

In Bezug auf die Gestaltung der Neubauten gilt für das U3 ähnliches wie für das zweite Umgestaltungsgebiet. Um Aufwand und Kosten zu reduzieren, wurden zahlreiche noch leidlich intakte Gebäude und auch unter Denkmalschutz stehende Gebäude weggerissen, damit möglichst viel zusammenhängende Fläche für den Neubau zur Verfügung stand. Sonderlösungen, die es ermöglicht hätten, Altbauten zu integrieren gab es nur selten. Der Plattenbau verlangte nach ”schieren Stücken”, also Straßenabschnitten in denen ihm kein Altbau mehr im Wege stand.

Die letzte offizielle Institution, die den geplanten Abbrüchen Widerstand entgegensetzte, war die Denkmalpflege. Sie setzte sich wenigstens für den Erhalt der im Gebiet liegenden gut ein Dutzend Einzeldenkmale ein. Doch die Drohung, dass durch den geforderten Erhalt weniger neue Wohnungen entstehen würden, war angesichts der wohnungspolitischen Vorgaben ausreichend, um den Abbruch aller Baudenkmale zu erreichen. Nur der Abbruch des Gasthofes ”Zur Sonne” (Steinbeckerstraße 1) wurde zunächst zurückgestellt und dann nicht mehr durchgeführt. Daneben sind viele Bauten abgebrochen worden, die schutzwürdig gewesen wären, jedoch nicht auf der Denkmalliste standen.

Der Vorschlag, wenigstens die Kapaunenstraße vom Abbruch auszunehmen und für die Sanierung in Eigeninitiative bereitzustellen, wurde ebenso abgeschmettert. Die strukturelle Ohnmacht des DDR - Bauwesens, alternative Wege zum industriellen Ersatzneubau einzuschlagen, wird besonders im U 3 deutlich.

Neben Entscheidungen, die nicht in Greifswald getroffen wurden, ist jedoch nicht zu übersehen, dass auch die lokalpolitischen Entscheidungsträger vielfach desinteressiert am Erhalt der Altbauten waren. Individuelle und unkonventionelle Lösungen wären, wie andere Städte in der DDR zeigen, trotz der politischen Großwetterlage möglich gewesen - doch ein Jahrzehnt Abbruch hatte seine Spuren sowohl im Bewusstsein der Bevölkerung wie auch der lokal Verantwortlichen hinterlassen. Das Gedankenpaar ”Altes Haus” gleich ”Abbruchhaus” findet man bisweilen noch heute in der Stadt.

Die zentral verordnete Baupolitik aus Berlin und Rostock, aber auch der Druck des Baukombinates, der Erhaltungsunwillen von örtlich Zuständigen und die Mutlosigkeit jener, die erkannt hatten, dass der Plattenbau eine Sackgasse darstellt und die Greifswalder Altstadt zerstört, hat es verhindert, wenigstens einige der wertvollsten Bauten in diesem Gebiet zu retten.

Ende der 80er Jahre erreichen Abriss und Plattenbau auch die Straße der Freundschaft (heute Lange Straße). Sie sollte in allen älteren Konzeptionen erhalten bzw. immer in traditioneller Bauweise ergänzt werden. Für den Bereich des Rubenowplatzes konnten die lokalen Planer zwar erreichen, dass nochmals ein Wettbewerb ausgelobt wurde, aber die Möglichkeiten des industriellen Wohnungsbaues waren zu gering, um eine wirklich angemessene Neubebauung zu erreichen. Ein Erhalt des wertvollen Bereiches wurde überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen.

In dieses Bild passen auch die Überlegungen der Bauabteilung des ZK der SED. Hier wurde 1988 ernstlich erwogen, das Denkmalgesetz der DDR außer Kraft zu setzen und die Denkmallisten auszudünnen. Greifswald hatte durch die Arbeiten in den Umgestaltungsgebieten bereits ein Viertel der eingetragenen Baudenkmale verloren. Die historischen Verluste sind nur schwer zu ermessen, da nur selten Gebäude vor dem Abbruch bauhistorisch untersucht werden konnten.

11. Stadtgeschichte verschwindet Haus für Haus - Beispiele für die verlorene Vielfalt

Für das Bild der historisch gewachsenen Stadt sind neben den großen sakralen und öffentlichen Bauten die bürgerlichen Wohn- und Geschäftsgebäude von entscheidender Bedeutung, da sie schon in quantitativer Hinsicht den größten Teil der städtischen Substanz ausmachen.

Aus dem nebeneinander von Giebel- und Traufenhäusern, unterschiedlichen Dachformen und Fassadenbildern aus verschiedenen Jahrhunderten ergibt sich einerseits die Vielgestaltigkeit und Lebendigkeit des Gesamtbildes, andererseits aber auch das eigene, unverwechselbare Gepräge einzelner Straßen bzw. Viertel der Stadt.

Obwohl die Altstadthäuser in Greifswald im 18. und 19. Jh. vielfach stärker überformt wurden als in anderen Hansestädten, lässt sich ihre Baugeschichte in den meisten Fällen bis zum Mittelalter zurückverfolgen. In ihrem Inneren sind häufig mit den Brandmauern wichtige Bauteile des ersten Steinhauses auf dem jeweiligen Grundstück erhalten, und außerdem vielfältige andere Konstruktions- und Ausstattungselemente, wie z.B. Kellergewölbe, Türen, Fenster und Treppenhäuser, aber auch Stuckdecken und Ausmalungen von oft bemerkenswerter Qualität.

Anhand der Hausformen, Fassadengliederungen und Befunde im Inneren der Häuser lässt sich die Veränderung der Bau- und Wohnvorstellungen in Greifswald im Laufe der Jahrhunderte anschaulich nachvollziehen. Durch gezielte Untersuchungen wären hier wichtige Erkenntnisse zu Bereichen der städtischen Kulturgeschichte möglich gewesen, zu denen sich beispielsweise aus den schriftlichen Quellen kaum etwas ermitteln lässt.

Schließlich verdienten zahlreiche Wohnhäuser der Greifswalder Altstadt aus historischen Gründen besonderes Interesse, entweder, weil sie mit stadt- oder gar landesgeschichtlich wichtigen Institutionen, wie zum Beispiel der Greifswalder Universität, verbunden waren, oder weil sie namhaften Persönlichkeiten oft über Jahrzehnte als Wohn- und Arbeitsstätte dienten.

12. Neue Chancen, neue Gefahren – Die Entwicklung nach 1990

Durch die politischen Veränderungen des Herbstes 1989 konnte ein vorläufiger Stopp der Abbrucharbeiten durchgesetzt werden. Die Planungen für weitere Plattenbauten an der Rakower Straße, der Marktnordseite oder in der Fischstraße 14–18 wurden verhindert bzw. aufgegeben. Der Bau einer bereits angelieferten Kaufhalle zwischen Rot- und Weißgerberstraße konnte durch eine Unterschriftensammlung ebenfalls verhindert werden. Die bereits begonnenen Plattenbauten in der Langen Straße / Rubenowplatz wurden dagegen in leicht überarbeiteter Form weitergeführt und vollendet.

Durch die Umwandlungen oder den Zusammenbruch der großen staatlichen und kommunalen Betriebe und Auftraggeber (z. B. HO, Konsum, Gebäudewirtschaft) trat zunächst Stagnation im Bauwesen ein, die man auch positiv als Atempause zur Neuorientierung betrachten kann.

Die Altstadt und die Fleischervorstadt wurde 1991 zum Sanierungsgebiet erklärt. Durch staatliche Förderungen wurden so Investitionsanreize geschaffen. Aber es gab auch planerische Fehlentscheidungen die den historischen Baubestand in Bedrängnis bringen. So war die Ausweisung von Kerngebieten (Grundstücke konnten hier zu fast 100 Prozent bebaut werden) besonders verhängnisvoll. Hier hat es in der Folge die meisten weiteren Verluste an historischer Substanz gegeben. Den Bestand an Häusern in der Altstadt unterzog man Anfang der 90er Jahre einer Neubewertung und zahlreiche schützenswerte Gebäude sind zusätzlich in die Denkmalliste aufgenommen worden. Vor allem durch Studenten und Mitarbeiter des Institutes für Kunstgeschichte der Universität und Mitglieder der Altstadtinitiative wurden wertvolle historische Befunde entdeckt und so dazu beigetragen, dass die bauhistorische Bedeutung Greifswalds zurechtgerückt werden konnte.

Auf zahlreiche Häuser der Altstadt sind nach 1990 Rückübertragungsansprüche geltend gemacht worden. An diesen Gebäuden fand danach bis zur Klärung der Ansprüche kaum noch bauliche Unterhaltung statt. In der Folge wurden zahlreiche von ihnen freigezogen und zur Neuvermietungen kam es dann nur noch selten. Dieser Leerstand, unzureichende Notsicherungen, Plünderungen und Vandalismus verschlechterten den Zustand der Gebäude auch nach 1990 oftmals in kurzer Zeit noch dramatisch. Baulicher Verfall und Verwahrlosung beeinträchtigten nicht nur das Erscheinungsbild der Stadt. Der starke Kontrast zwischen unsanierten und bereits sanierten Häusern wirkt sich auch auf das Verhältnis der Greifswalder zu ihrer Innenstadt aus. Was nicht ”auf Hochglanz” gebracht war, wurde nur schwer akzeptiert und häufig als ”Schandfleck” verunglimpft.

Teilweise wurde der Verfall vorsätzlich in Kauf genommen und durch den absichtlich bewirkten Freizug der Gebäude entscheidend begünstigt. In einigen dieser Fälle hat diese Realität dann Fakten geschaffen. In diesen Zusammenhang sind die Brände in den Häusern Bachstraße 23–25, Lange Straße 79/81 und Schuhhagen 3 zu nennen ebenso der Verfall und folgende Abbruch der Baudenkmäler Fleischerstraße 17 oder Markt 28/29.

Der Umgang mit historischer Bausubstanz wurde nach 1990 vielfältiger. Behutsame Sanierung stand neben Entkernung der alten Bausubstanz, der Beschränkung des Erhaltes auf die Fassade oder dem Totalabbruch der Gebäude. Waren es vor 1990 der Mangel an Baumaterial und Flexibilität und die zentralen Vorgaben zur hohen Anzahl neu zu errichtender Wohnungen, sind es nach 1990 falsche Nutzungsvorstellungen und hohe Renditeerwartungen die zum Abbruch oder der Verstümmelung alter Bauten führen. In den letzten 25 Jahren ist es so in etwa 50 Fällen erneut zum vollständigen Abbruch von historisch wertvoller Bausubstanz gekommen.

Natürlich gibt es auch in Greifwald eine erfreuliche Anzahl von guten oder sogar vorbildlichen Sanierungen, bei denen die Individualität und Geschichte des Hauses bewahrt wurde. Hier sind z. B. die Häuser Fischstraße 16 und 17, Schuhhagen 30, Markt 13, Lange Str. 77, Brüggstraße 33, Steinbeckerstraße 31 oder Lange Straße 49 zu nennen, die denkmalgerecht instandgesetzt wurden. Jetzt, ein Vierteljahrhundert nach der Wende, existieren in der Altstadt nur noch wenige unsanierte Wohngebäude und mittlerweile werden die in den 1990er Jahre instand gesetzten Häuser erneut saniert oder umgebaut.

Die Altstadt ist heute wieder das Herz einer lebenswerten und beliebten Stadt. Mit kritischem historischem Blick ist allerdings zu konstatieren, dass die Stadt in den letzten 70 Jahren mehr historische Bauten verloren hat, als durch Brände oder Kriegsfolgen in den fast 700 Jahren zuvor. Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Der historische Zeugniswert von altstädtischer Bebauung fehlt in weiten Altstadtbereichen und der Charme gewachsener Stadtbilder ist außerhalb der bekannten Postkartenblicke kaum noch zu finden.

Der Erhalt und die Pflege der verbliebenen historischen Baustrukturen bleibt deshalb umso mehr eine beständige Aufgabe, der sich jede nachwachsende Generation neu stellen muss.